Malwida Rivalier wurde am 28. Oktober 1816 in Kassel geboren. Ihr Vater, Carl Phillipp, hatte als Hofmarschall, Kabinettsrat und Außenminister die Karriereleiter am hessischen Kurfürstenhof erklommen. 1825 wurde er für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben, woraufhin seine Familie den Namen von Meysenbug annahm. Einige ihrer Brüder waren ebenfalls Beamte, die sich in den Revolutionsjahren als loyale Verteidiger der Obrigkeit erweisen würden. Die Mutter, Ernestine, betrieb einen Salon und sorgte dafür, dass ihre Kinder umfassend gebildet wurden.
Es war eine Zeit politischer Restoration. Nur wenige Monate vor Malwidas Geburt, wurde Europa auf dem Wiener Kongress neugeordnet, mit dem Ziel, pränapoleonische Zustände herzustellen. Diese Bestrebungen wurden durch rigide Zensur und Unterdrückung jeglicher Kritik abgesichert, um die politische Stabilität nach Jahren des Chaos und Krieges zu wahren. Trotz dieser Maßnahmen regte sich immer wieder Widerstand, der sich für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Demokratie einsetzte und eine nationale Einheit forderte. So waren nach der französischen Julirevolution 1830 auch in Hessen-Kassel Unruhen ausgebrochen, was dazu führte, dass Malwidas Vater als Repräsentant des Herrscherhauses ins Zentrum erheblicher Anfeindungen geriet, sein Haus gar mit Steinen beworfen wurde. Als sich der Kurfürst Wilhelm II. ins Exil begab, folgte ihm Carl Philipp mit seiner Familie. Zu diesem Zeitpunkt positionierte sich Malwida noch entschlossen auf die Seite ihres Vaters, verabscheute die Liberalen, die sich gegen ihn wandten, und „hielt […] glühende Reden über […] die Bosheit seiner Feinde.“1
Eine Adelige wird 48er-Revolutionärin
Der Umzug im Jahr 1832 nach Detmold bedeutete einen Wendepunkt in Malwidas politischer Haltung. Im Hause des Pfarrers Althaus, wo sie auf ihre Konfirmation vorbereitet wurde, lernte sie dessen Sohn Theodor kennen, der liberale Ansichten vertrat. Durch die Beziehung zu Theodor löste sie sich von den Überzeugungen ihrer Familie. Sie fing an, die Kirche zu hinterfragen, gründete einen Verein der Arbeit für Arme zur Verteilung von Kleidungsstücken, veranstaltete Spendenkonzerte, setzte sich für die Schaffung eines demokratischen Einheitsstaates sowie die Frauenemanzipation ein und unterschrieb von nun an ohne ihren Adelstitel. Dass eine adlige Frau – zudem Tochter eines engen Vertrauten des Kurfürsten – Ansichten vertrat, die sich direkt gegen die Privilegien ihrer eigenen Schicht richteten, war ein gesellschaftlicher Skandal. Aber Malwida ließ sich von ihren Überzeugungen nicht mehr abbringen, auch als sich Theodor in eine andere Frau verliebte.
Der Wunsch nach Unabhängigkeit und die zunehmenden innerfamiliären Spannungen, die sich nach der gescheiterten Revolution weiter verschärften, führten dazu, dass Malwida 1850 Detmold den Rücken kehrte. In Hamburg begann sie an der Hochschule für das weibliche Geschlecht eine Ausbildung zur Erzieherin. Schon nach zwei Jahren musste die Schule aufgrund politischen Drucks und finanzieller Schwierigkeiten jedoch schließen, woraufhin Meysenbug zu einer Freundin nach Berlin zog. Im Mai 1852 kam es dort zu einer Hausdurchsuchung und einem Verhör. Um der drohenden Haftstrafe zu entgehen, folgte Malwida dem eindringlichen Rat ihrer Freundin und floh am 25. Mai 1852 nach London. Die Entscheidung war ihr keineswegs leichtgefallen. Auf dem Weg in die Fremde überkam sie „das abscheuliche Gefühl der Furcht.“2 Sie machte sich Sorgen darüber, wie ihre Familie und Freund:innen die Flucht aufnehmen würden, und quälte sich mit Schuldgefühlen über die Sorgen, die sie ihnen damit bereitete.
In der Fremde
Wie Meysenbug fanden sich auch viele andere Flüchtlinge in London ein, das aufgrund seiner liberalen Asylpolitik der wichtigste Zufluchtsort für politische Exilant:innen war. In den Straßen begegneten sich Revolutionär:innen aus Frankreich, Italien, Ungarn, Polen, Tschechien und Deutschland. Im Londoner Vorort St. John’s Wood, auch bekannt als „Little Germany“, existierte eine ausgeprägte deutschsprachige Gemeinschaft. Deutsche Schulen, Kirchen, Bäckereien, Metzgereien, Apotheken und Wirtshäuser sowie rund zehn deutsche Zeitungen prägten das Stadtbild und ermöglichten den Exilant:innen, in der Fremde ein Stück Heimat zu bewahren.
England galt in den Augen vieler als das Land der Demokratie und des Liberalismus, ein Ort, an dem ihre Ideale zumindest teilweise Wirklichkeit geworden waren. Im Gegensatz zu den repressiven Regimen auf dem Festland gab es dort keine Passkontrollen oder polizeiliche Überwachung, sondern demokratische Institutionen und Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit. Meysenbug war von diesen Freiheiten tief beeindruckt, wenngleich nicht unkritisch. Die steifen gesellschaftlichen Konventionen der englischen Oberschicht irritierten sie, und die Armut in den Londoner Slums schockierte sie. Sie musste zudem die schmerzhafte Erfahrung machen, dass sie zwar in Freiheit war, aber nun auf sich allein gestellt war und vor dem Nichts stand. Bei ihrer Ankunft waren die einzigen Personen, die sie kannte, Johanna und Gottfried Kinkel, mit denen sie seit 1849 korrespondierte, aber noch nie persönlich getroffen hatte.
Zum erstenmal im Leben war ich ganz allein, ferne von allen, die ich bis dahin geliebt hatte, auf einer fremden Erde, mit dürftigen Mitteln, vor einer Zukunft, die stumm, düster und verheißungsvoll vor mir aufstieg.3
Freundschaft als Überlebensstrategie
Für Meysenbug erwies sich die Gastfreundschaft des Ehepaars Kinkel als großes Glück. Sie unterstützten sie maßgeblich bei der Eingewöhnung in die neue Umgebung, indem sie ihr eine Unterkunft, Kontakte und eine Anstellung als Deutschlehrerin vermittelten. Im Frühjahr 1853 begann Meysenbug die Töchter des verwitweten russischen Revolutionärs Alexander Herzen zu unterrichten, zu dem sie eine enge Freundschaft entwickelte. Aufgrund der gegenseitigen Verbundenheit schlug sie vor, als eine Art Ersatzmutter in das Haus der Familie zu ziehen. Die Zeit im Herzenschen Haushalt wurde zu einer der glücklichsten Zeiten ihres Lebens. Das gemeinsame Leben mit der Familie schenkte ihr ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit. Hatte sie ihre Heimat durch das Exil verloren, fand sie bei ihnen eine neue. Auch wenn ein Konflikt dazu führte, dass sie schließlich auszog, blieb die Verbundenheit bestehen, insbesondere zur Tochter Olga. Sie lebte zeitweilig mit ihr in Paris und hielt bis an ihr Lebensende engen Kontakt.
Neben den Kinkels und Alexander Herzen waren es vor allem Therese Pulszky und Giuseppe Mazzini, die zu ihren engsten Bezugspersonen wurden. Zudem knüpfte sie Bekanntschaft mit vielen weiteren Revolutionären, wie Giuseppe Garibaldi, Felice Orsini, Louis Blanc, Alexandre Ledru-Rollin, Stanisław Worcell, Lajos Kossuth, Lothar Buchner, Ferdinand Freiligrath und Carl Schurz. Häufig trafen sie sich bei den Kinkels, wo sie philosophierten und über ihre politischen Überzeugungen debattierten. Obwohl sie das Exil von ihrer Heimat trennte, unterbrach es nicht ihr Engagement: Umgeben von Gleichgesinnten setzten sie ihre politischen und sozialen Bestrebungen oftmals mit noch größerem Eifer fort. Mit Giuseppe Mazzini gründete Meysenbug beispielsweise den Club für deutsche Arbeiter, dessen Zweck es war, Arbeiter:innen über ihre Rechte aufzuklären. Zudem übersetzte sie politische Texte, veröffentlichte Novellen und verfasste Beiträge für Dio e il Popolo, Hermann und The Daily News. Parallel dazu begann sie, ihre Memoiren einer Idealistin zu schreiben. Diese erschienen 1869 zunächst auf Französisch und 1876 auf Deutsch. Im Zuge der Reichseinigung, als die Forderung nach nationaler Einheit aus der Revolution von 1848 Realität wurden, wurden sie zu einem wahren Bestseller. Sie spiegeln die Erfahrungen und Ideale einer Generation wider, die für die nationale Einheit gekämpft hatte. Bis heute gelten sie als eines der bedeutendsten Selbstzeugnisse des 48er-Exils.
Unbeugsame Idealistin
1859, nach sieben Jahren des Exils, kehrte Meysenbug auf das europäische Festland zurück. Zunächst lebte sie in Paris, dann in Bayreuth, Florenz und schließlich in Rom, wo sie 1903 starb. Im Exil war sie zur Kosmopolitin geworden. Auch danach bewegte sie sich weiter im Zentrum bedeutender europäischer Persönlichkeiten.4 Die Gründe für ihren Weggang aus England liegen vermutlich in den neuen Möglichkeiten, die sich ihr boten. Ab Ende der 1850er Jahre wurden schrittweise Amnestiedekrete erlassen, die die Straffreiheit kontinuierlich ausweiteten und ihr die Rückkehr ermöglichten. Als sie 1856 bei Alexander Herzen auszog und Ende des Jahres 1858 Johanna Kinkel verstarb, gab es kaum noch Gründe, die sie in England hielten.

Foto: Constanze Baumann
Trotz ihrer zentralen Rolle im intellektuellen Leben ihrer Zeit und ihres Engagements für Demokratie und Freiheit, ist der Name Malwida von Meysenbug heute weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Schulen, die einst nach ihr benannt waren, tragen nun die Namen von Männern. Ihr Leben und Werk verdienen es jedoch, als Teil unseres kulturellen Gedächtnisses bewahrt zu werden. Ihre Biografie ist einzigartig, sowohl durch die Tatsache, dass sie allein ins Exil ging, als auch durch ihre adelige Herkunft. Zudem erlebte sie den Gang ins Exil zweimal: Zunächst als Tochter, die ihrem Vater auf der Flucht vor den Revolutionär:innen folgte, und später als alleinstehende Frau, die sich selbst als Revolutionärin verstand. Für ihre Ideale gab sie alles auf: ihre Privilegien, ihre Familie, ihre Heimat. Dieser Schritt erforderte nicht nur großen Mut, sondern auch eine tiefe Entschlossenheit, ihre Überzeugungen gegen alle Widrigkeiten zu verteidigen.
- Wiggershaus, Renate (Hg.), Malwida von Meysenbug. Memoiren einer Idealistin, Frankfurt a.M. 1985, S. 55. ↩︎
- Ebd., S. 178. ↩︎
- Ebd., S. 184. ↩︎
- Zu ihrem Freund:innenkreis gehörten unter anderem Lou Andreas-Salomé, Bernhard von Bülow, Marie von Ebner- Eschenbach, Franz von Lenbach, Franz Liszt, Theodor Mommsen, Gabriel Monod, Friedrich Nietzsche, Paul Rée, Romain Rolland und Meta von Salis. ↩︎

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