Nachnamen existieren in Europa seit dem Mittelalter und sind erstmals im 9. Jahrhundert in Venedig dokumentiert. Während der Adel seit Beginn des 11. Jahrhunderts feste Familiennamen trug, um seine Erbansprüche geltend zu machen, reichte es für Bürger:innen, Bauern und Bäuerinnen bis ins 12. Jahrhundert aus, nur einen Rufnamen zu haben. Als Städte größer und Verwechslungen wahrscheinlicher wurden, etablierten sich Nachnamen, die sich aus Beruf, Aussehen oder Herkunft ableiteten, schließlich flächenübergreifend. Diese Namen wurden fast ausnahmslos über die männliche Linie vererbt, dem Patriarchen des Hauses. Obwohl es seit 1976 in Deutschland möglich ist, bei der Heirat auch den Namen der Frau anzunehmen, entscheiden sich bis heute nur rund 6 Prozent der Paare dafür. „Mädchennamen“ im wörtlichen Sinne gibt es demnach eigentlich gar nicht – es existieren nur „Jungennamen“.

Könnte es also sein, dass wir Frauen stets mit Vor- und Nachnamen nennen, um sie aus dem Schatten männlicher Namen heraustreten zu lassen? Diese Erklärung klingt plausibel, greift aber zu kurz. Vielmehr spiegelt diese sprachliche Praxis ein tief verankertes Weltbild wider: die Überzeugung, dass Genialität männlich ist.

Namen suggerieren Bekanntheitsgrad

Männer gehen oft mit nur einem einzigen Namen in die Geschichte ein. Churchill, Goethe, Mozart. Ihre Namen sind unverwechselbar. Markennamen. Dabei muss es nicht immer nur der Nachname sein, wie das Beispiel Napoléon Bonaparte zeigt, dessen Vorname ebenso ikonisch geworden ist.

Weniger bekannte Männer, wie etwa Robert Dudley oder Heinrich Kramer, werden in der Regel vollständig genannt, da sie der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Bei Frauen allerdings wird fast immer der volle Name verwendet, unabhängig ihres Bekanntheitsgrads. Und genau hierin liegt das Problem: Frauen werden meist mit ihrem vollen Namen genannt, was unbewusst den Eindruck erweckt, sie seien weniger bekannt oder bedeutend, auch wenn dies gar nicht der Fall ist. Frida Kahlo wird zum Beispiel trotz großer Berühmtheit stets mit vollem Namen genannt, während ähnlich bekannte männliche Künstler wie Claude Monet, Sandro Botticelli oder Wassily Kandinsky in der Regel nur mit ihrem Nachnamen betitelt werden.

Hinter der sprachlichen Eigenheit verbergen sich überkommen geglaubte Stereotype

Wenn Männer nur mit ihrem Vornamen oder einem einzigen Wort genannt werden, während Frauen stets mit ihrem vollständigen Namen bezeichnet werden, entsteht schnell der Eindruck, dass Frauen in der Geschichte nur eine untergeordnete Rolle einnehmen – als Schwester, Mutter, Ehefrau oder Assistentin, jedoch nicht als Pionierin oder Genie. Dieser Eindruck entspricht jedoch keineswegs der historischen Realität. Frauen haben immer entscheidende Rollen gespielt. Vielmehr hat die Geschichtsschreibung über Jahrhunderte hinweg eine männlich dominierte Perspektive geprägt, die dazu geführt hat, dass viele bedeutende Frauen der Geschichte bis heute unbekannt sind. Obwohl seit den 1970er Jahren, mit der Entstehung der Gender Studies und der Frauengeschichte, erhebliche Anstrengungen unternommen werden, Frauen aus dem Vergessen zu holen und ein präziseres Bild der Vergangenheit zu zeichnen, erscheinen nach wie vor Artikel wie „Diese 25 Frauen sollten Sie kennen“ oder „Geschichte neu verfasst: Diese herausragenden Frauen sollte jeder kennen.“ Dies verdeutlicht, wie tief die Unsichtbarkeit von Frauen noch immer verankert ist und wie dringend es notwendig bleibt, diese Lücken aktiv zu schließen.

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg, jene Lücken zu schließen, ist die Gleichberechtigung auf sprachlicher Ebene. Sprache beeinflusst nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt, sondern spiegelt auch tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile wider. Insbesondere in der Geschichtswissenschaft, die die kollektive Erinnerung maßgeblich formt, sollte daher auf eine konsequente, geschlechtergerechte Sprache geachtet werden. Diese muss darauf abzielen, keine Geschlechterstereotype zu reproduzieren, um eine gerechtere Darstellung von Frauen in der Geschichte zu erreichen. Andernfalls perpetuiert sich eine subtile Misogynie, die Frauen weiterhin in die zweite Reihe drängt.

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