Die Geschichte von Glikl bas Judah Leib beginnt im Jahr 1645. Zu diesem Zeitpunkt wütete seit fast dreißig Jahren ein Krieg auf dem europäischen Kontinent. Hunger, Tod und Armut prägten das Leben vieler Menschen; der Krieg hatte mehr Opfer als der Zweite Weltkrieg gefordert. Doch Hamburg blieb wie durch ein Wunder verschont. Geschützt von mächtigen Stadtmauern und einer klugen Neutralitätspolitik, war die Hafenstadt eine sicheren Enklave inmitten des kriegsgebeutelten Kontinents. Hinter den dicken Mauern, fernab von Hunger, Verwüstung und Blutvergießen, konnte die kleine Glikl so gesichert und in wohlhabenden Verhältnissen aufwachsen.
Doch Glikl und ihre Familie waren jüdisch und Judenhass machte vor den Toren der Stadt keinen Halt. Innerhalb der Stadt wütete ein anderer religiöser Krieg: Juden und Jüdinnen besaßen kaum Rechte, mussten ihre Religion hinter verschlossenen Türen praktizieren und Priester wetterten in ihren Predigten regelmäßig gegen sie. Als Glikl vier Jahre alt war, erreichte der in Hamburg besonders ausgeprägte Judenhass seinen vorläufigen Höhepunkt. Glikl und viele andere Familien wurden gewaltsam aus der Stadt vertrieben und flüchteten sich ins benachbarte Altona. Altona, damals unter dänischer Herrschaft, war toleranter gegenüber Juden und Jüdinnen, da diese dort den Status von Schutzjuden und Schutzjüdinnen besaßen. Es gab nicht nur Synagogen und jüdische Friedhöfe, sondern auch eine bemerkenswerte Gemeindeautonomie. Doch die Freiheiten hatten ihren Preis: Neben dem jährlich zu entrichtenden Schutzgeld mussten Juden und Jüdinnen hohe Sonderabgaben und doppelt berechnete Steuern entrichten. Darüber hinaus gab es in Altona, im Gegensatz zum wirtschaftlich prosperierenden Hamburg, weniger Geschäftsmöglichkeiten. Glikls Vater, ein Diamantenhändler, musste deshalb für sein Geschäft ab sofort nach Hamburg pendeln. Diese täglichen Reisen waren nicht nur zeitaufwendig, sondern auch kostspielig und gefährlich. Um das Hamburger Stadttor zu passieren, war ein teurer Pass erforderlich, der alle vier Wochen erneuert werden musste. Außerdem gingen die Reisen oft mit Gewalt und Bedrohung einher:
Des Morgens in aller Frühe, sobald sie aus dem Bethaus gekommen sind, sind sie in die Stadt gegangen und gegen Abend, wenn man das Tor hat zumachen wollen, sind sie wieder nach Altona zurückgekehrt. Wenn die armen Menschen herausgegangen sind, sind sie oft ihres Lebens nicht sicher gewesen wegen des Judenhasses, der bei Bootsleuten, Soldaten und anderm geringen Volk herrschte, so daß eine jede Frau Gott gedankt hat, wenn sie ihren Mann wieder glücklich bei sich hatte.1
Es erstaunt deshalb nicht, dass jede Möglichkeit genutzt wurde, um wieder zurück nach Hamburg kehren zu können. Im Winter 1657, während des Zweiten Nordischen Krieges, bot sich eine solche Gelegenheit: Als schwedische Truppen in Altona einfielen, flüchteten sich viele Menschen vorübergehend nach Hamburg. Nachdem die Gefahr überstanden war, versuchten die Juden und Jüdinnen, die ursprünglich aus Hamburg kamen, zu bleiben. Es gab keine einheitlichen Regelungen, doch einigen jüdischen Familien wurde es offenbar wieder gestattet, in Hamburg wohnhaft zu werden. Laut Glikls Memoiren war ihr Vater der erste Jude, dem die erneute Niederlassung in der Stadt erlaubt wurde.
Ein glückliches Eheleben
Als die Familie nach Hamburg zurückkehrte, war Glikl bereits im heiratsfähigen Alter. Anders als in christlichen Familien, wurden jüdische Mädchen zu dieser Zeit verhältnismäßig früh vermählt. Glikls Eltern wählten für sie den etwas älteren Chajim aus Hameln, der genau wie sie aus einer reichen Kaufmannsfamilie stammte. Als die beiden den Bund fürs Leben schlossen, war Glikl erst 13 Jahre alt. Trotz der arrangierten und früh geschlossenen Ehe war die Beziehung der beiden jedoch von Glück und Zuneigung geprägt. In ihren Memoiren beschreibt Glikl ihren Mann als ihren besten Freund und engsten Vertrauten. Während der 30 gemeinsamen Ehejahre bekamen die beiden 14 Kinder, von denen zwölf das Erwachsenenalter erreichten. Angesichts der hohen Säuglingssterblichkeit im 17. Jahrhundert, in dem jedes dritte Kind das Kindesalter nicht überlebte, war diese Zahl außergewöhnlich hoch. Sie zeugt von dem Wohlstand der Familie, der es ihnen ermöglichte, ausreichend medizinische Versorgung, genügend Nahrung und warme Kleidung bereitzustellen. Im Januar 1689 fand das glückliche Leben jedoch einen abrupten Einbruch. Ihr Ehemann stürzte auf dem Weg zu einer Verabredung mit einem anderen Kaufmann, verletzte sich beim Sturz an einem spitzen Stein und verstarb wenig später an den Folgen. Glikl blieb tief erschüttert und bestürzt zurück.
Jetzt habe ich niemanden mehr, dem ich mein Leid klagen, niemanden, auf den ich mich stützen könnte, als nur unseren Vater im Himmel. […] Wer aber ist nun mein Tröster, wer spricht mir nun meine schweren Gedanken aus meinem betrübten Herzen wie mein lieber, herziger Freund? Ich glaube, ich werde den lieben Freund wohl alle meine Tage beweinen müssen.2
Von heute auf morgen war Glikl auf sich alleine gestellt. Chajim hatte nicht nur einen großen Haushalt mit vielen unverheirateten Kindern hinterlassen, sondern auch einen beträchtlichen Schuldenberg. Doch anstatt sich von der Situation entmutigen zu lassen, reagierte sie pragmatisch: Sie gründete eine Strumpfmanufaktur, übernahm das Kaufmannsgeschäft ihres verstorbenen Mannes und begab sich auf Geschäftsreisen. Stück für Stück arrangierte sie zudem Ehen für ihre Kinder – meist mit Familien, die über weitreichende Verbindungen und Einfluss verfügten. In den wenigen Momenten der Ruhe, die ihr das Leben ließ, griff sie zur Feder. Sie begann mit der Niederschrift ihrer Memoiren. Auf diese Weise konnte sie nicht nur ihre gemeinsame Zeit mit Chajim rekapitulieren, sondern auch im Alltagstrubel in sich kehren und ihr Leben gedanklich ordnen. Sie hielt ihre Erfahrungen für ihre Nachkommen fest, die in ihren Worten Orientierung und Inspiration finden sollten.

Was vielleicht heute als gewöhnliche Tat erscheinen mag, war zu jener Zeit Pionierleistung. Frauen verfassten damals keine Autobiografien. Zwar existierte die Praxis bereits seit 200 Jahren, aber sie lag ausschließlich in männlicher Hand. Glikl war die erste deutschstammige Frau, die Memoiren schrieb.
Doch brach sie nicht nur mit dieser Konvention: Sie war auch die erste Person, die eine Autobiografie auf Jiddisch verfasste. Hebräisch galt als Schrift-, das Jiddische als Alltagssprache. Das Erlernen der hebräischen Sprache war den jüdischen Männern vorbehalten, wodurch Frauen vom Schreiben ausgeschlossen blieben. Mit ihrer Entscheidung, ihre Geschichte auf Jiddisch niederzuschreiben, stellte Glikl also nicht nur eine kulturelle Norm infrage, sondern machte ihre Erfahrungen und Perspektiven auch für eine weibliche Leserschaft zugänglich.
Neuanfang in Frankreich
Mit 54 Jahren, elf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, heiratete sie erneut. Sie entschied sich für den französischen Bankier Cerf Levy aus Metz, den ihr ihre Tochter, die dort lebte, ihr empfohlen hatte. Obwohl sie ihn selbst noch nie persönlich getroffen hatte, brach sie alle Zelte in Hamburg ab und verließ ihre deutsche Heimat. Für immer.
Was als Hoffnung auf einen sorgenfreien Ruhestand und als Absicherung für ihre Kinder begonnen hatte, entpuppte sich jedoch schnell als finanzielles Desaster. Statt der ersehnten Ruhe stürzten sie die Schulden ihres neuen Mannes in eine Reihe von finanziellen Schwierigkeiten.
Ich meinte dadurch, daß ich einen Mann nähme, der so angesehen und ein so großer Geschäftsmann war, meinen Kindern zu helfen, daß sie durch ihn zu großen Geschäften kommen sollten. Aber gerade das Gegenteil ist geschehen. […] So aber habe ich sie mit mir ins äußerste Verderben gerissen.3
Doch wieder ließ sie sich nicht entmutigen. Sie packte im Geschäft mit an und brach damit wieder einmal eine gesellschaftliche Konvention. Denn verheiratete Frauen arbeiteten (im Gegensatz zu verwitweten) nicht. Doch Glikl konnte und wollte nicht tatenlos zusehen, wie ihr Mann sie weiter ins Unglück manövrierte. Das Unheil war nichtsdestotrotz angerichtet: Nach seinem Tod im Jahr 1712 war sie kaum finanziell abgesichert, weshalb sie in das Haus ihrer Tochter zog – ein Schritt, den sie nur ungern ging, da sie stets darauf bedacht war, ihre Selbstständigkeit zu wahren und niemandem zur Last zu fallen. 1724, im hohen Alter von 78 Jahren, verstarb sie dort, ohne zu ahnen, welch historische Leistung sie mit ihren Memoiren vollbracht hatte.

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