Clara Schumann wurde als Clara Josephine Wieck in eine Welt voller Musik geboren. Ihr Urgroßvater hatte den Vorläufer der modernen Querflöte entwickelt und ihre Mutter, Mariane Tromlitz, eine Enkelin des Flötisten, war eine bekannte Sopranistin und Pianistin in Leipzig. Schon als junges Mädchen hatte sie mit Anton Eberl, einem Schüler und Freund Wolfgang Amadeus Mozarts, konzertiert. Auch als verheiratete Frau stand sie noch regelmäßig auf der Bühne und gab selbst während ihren Schwangerschaften Konzerte. Zusätzliches Geld verdiente sie sich durch Musikunterricht.

Claras Vater, Friedrich Wieck, leitete eine Musikalienleihanstalt, vertrieb Klaviere und war ebenfalls Musiklehrer. Anders als seine Frau, kam er allerdings aus keiner Musiker:innenfamilie, sondern war Autodidakt und hatte, bevor er zur Musik fand, einige Jahre als Hauslehrer gearbeitet. Gelegentlich hatte er sich an eigenen Kompositionen versucht, doch bald erkannt, dass sein Talent in diesem Bereich begrenzt war. Seine Begabung war es vielmehr, andere Musiker:innen zu fördern und zu vermarkten. So hatte er es bei seiner Frau getan und so plante er es für seine Kinder. Wie formbar wäre erst ein talentiertes Kind, wenn es von klein auf gezielt gefördert und trainiert würde?

Das erste Kind des Ehepaares, Adelheid, verstarb nach nur wenigen Monaten. Doch bereits im folgenden Jahr brachte Mariane erneut eine Tochter zur Welt. Nun ruhten Friedrichs ganze Hoffnungen auf ihr. Ihr Name, Clara, die Helle, die Berühmte, spiegelt seine Erwartungshaltung wider: Das Kind sollte zu einem leuchtenden Stern am musikalischen Firmament werden.


Friedrich hatte genaue Vorstellungen davon, wie die Ausbildung seiner Tochter zum Wunderkind auszusehen hatte. Er sorgte mit äußerster Strenge dafür, dass sie täglich übte und verbot ihr alles, was sie davon ablenken könnte, erfolgreich zu werden. Das Spielen mit Gleichaltrigen oder ausgedehnte Abendunterhaltungen gestattete er nur selten. Schon zu Lebzeiten wurde ihm deshalb vorgeworfen, seine Tochter einem unmenschlichen Leistungsdruck auszusetzen und ihr die Kindheit zu rauben. Franz Liszt soll einmal spöttisch bemerkt haben, es sei ihr noch nicht einmal erlaubt gewesen, mit ihren Katzen zu spielen. Nichtsdestotrotz waren Friedrichs pädagogische Methoden, die er auch in eigenen Lehrwerken festhielt, für damalige Verhältnisse modern. Clara sollte sich nicht „musikalisch zu Tode üben“1 und länger als drei Stunden pro Tag am Klavier sitzen. Als Ausgleich unternahm er mehrstündige Spaziergänge mit ihr, um Körper und Geist in Balance zu halten. Clara verteidigte als Erwachsene den autoritären Erziehungsstil ihres Vaters: „Die Menschen haben ja keinen Begriff, wie, um es in der Kunst zu etwas Bedeutendem zu bringen, die ganze Erziehung, der ganze Lebenslauf, ein anderer sein muß, als in gewöhnlichen Verhältnissen. […] Ich danke ihm Zeit meines Lebens für alle die sogenannten Grausamkeiten.“2

Als Scheidungskind im 19. Jahrhundert

Doch nicht nur ihre Erziehung machte Claras Kindheit außergewöhnlich: Schon mit vier Jahren musste sie die Trennung ihrer Eltern erleben. Friedrichs Jähzorn und seine unerfüllbaren Erwartungen lasteten schwer auf der Ehe. Für Mariane wurde das Zusammenleben vermutlich so unerträglich, dass sie die Risiken einer Scheidung, einschließlich des Verlusts des Sorgerechts für ihre Kinder, in Kauf nahm. Anfangs lebte Clara noch bei ihrer Mutter, die übergangsweise zu ihren Eltern nach Plauen zurückgezogen war. Doch mit ihrem fünften Geburtstag endete diese Zeit. Clara musste, so verlangte es das Gesetz, zurück zu ihrem Vater nach Leipzig.

Die schwierige familiäre Situation und das Aufwachsen ohne Mutter hinterließen ihre Spuren. Clara zog sich in sich selbst zurück und sprach kaum. Erst mit acht Jahren konnte sie richtig sprechen. Die Psychoanalytikerin Anna Burton vermutet, dass Clara unter einem Selektiven Mutismus gelitten haben könnte, einer Sprachstörung, die durch emotionale Konflikte ausgelöst wird. Obwohl Clara aufgrund dieser Störung als retardiert wahrgenommen wurde, überstieg ihr Klavierspiel schnell das Niveau Gleichaltriger. Wo sie sich nicht über Worte ausdrücken konnte, fand sie ihre Stimme in der Musik. Inmitten der Trennung ihrer Eltern schenkte ihr das Klavier Halt und wurde zu ihrem Zufluchtsort.

Im Alter von neun Jahren stellte sie ihr Können zum ersten Mal unter Beweis. Sie hatte eine Gastrolle in einem Konzert, bei dem sie mit einer anderen Schülerin ihres Vaters zu vier Händen ein Stück von Friedrich Kalkbrenner vortrug. „Es ging sehr gut und ich habe nicht gefehlt, fand auch vielen Beifall“, resümierte sie in ihrem Tagebuch. Früh begann sie auch, selbst zu komponieren. Die älteste erhaltene Komposition, die Quatre Polonaises Op.1 sind auf das Jahr 1830 datiert, als sie gerade einmal zwölf Jahre alt war.

Auf diesem Klavier spielte Clara am 20. Oktober 1828 ihr erstes öffentliches Konzert.
Foto: Constanze Baumann/Robert-Schumann-Haus Zwickau

Nachdem das Publikum in Leipzig und bei darauffolgenden Konzerten in Dresden und Altenburg positiv reagiert hatte und Clara auch Lob von Niccolò Paganini erhalten hatte, befand ihr Vater die Zeit für reif, eine erste Konzertreise zu unternehmen. Um Clara über die Grenzen Sachsens hinaus bekannt zu machen, galt es, Paris, die damalige Musikmetropole par excellence, zu „erobern.“ Der Weg dorthin führte sie zunächst nach Weimar, wo sie vor dem greisen Johann Wolfgang von Goethe vorspielen durfte. „Wir fanden ihn lesend und der Bediente führte uns ein ohne weitere Anmeldung. [..] Clara wurde nun aufgefordert zu spielen und spielte la Violetta v. Herz. [..] Goethe fällte über die Composition und das Spiel der Clara ein sehr richtiges Urtheil nannte die Comp[osition] heiter, und französisch picant und rühmte Claras richtiges Eindringen in diesen Character.“3 Auf dieses Lob folgten weitere Einladungen und Konzertangebote, die die Reisekosten deckten und die Weiterreise ermöglichten.

Über Zwischenstationen in Erfurt, Gotha, Arnstadt, Kassel, Frankfurt und Darmstadt, kam sie im Februar 1832 in der schillernden Metropole an. In den Pariser Salons, wo sich die führenden Persönlichkeiten der Musikszene versammelten, traf sie erstmals Giacomo Meyerbeer, Frédéric Chopin, Wilhelmine Schröder-Devrient, Ferdinand Hiller, Friedrich Kalkbrenner, Henri Herz und Felix Mendelssohn Bartholdy. Sie spielte auf zahlreichen Soiréen und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Doch in einer Stadt wie Paris war es äußerst schwierig, Auftrittsmöglichkeiten in den großen Konzertsälen zu erhalten – etwas, das sich Friedrich deutlich einfacher vorgestellt hatte und ihn frustrierte. Schließlich durchkreuzte die nach Paris vordringende Cholerapandemie ihre Hoffnungen, und das Vater-Tochter-Duo musste aus der Stadt enttäuscht abreisen.

Doch so schnell gab sich Friedrich nicht geschlagen. Zurück in Deutschland organisierte er neue Konzerte und plante eine Tournee quer durch Norddeutschland. Und die Hartnäckigkeit zahlte sich aus: 1838 hatte Clara, 18-jährig, endlich den langersehnten Durchbruch in Wien. In den Wiener Cafés wurde ihr zu Ehren die Torte à la Wieck serviert und Franz Grillparzer widmete ihr ein Lobgedicht, in dem er sie als erste Virtuosin rühmte, die das Geheimnis Beethovens entschlüsselt habe. Gekrönt wurde der Erfolg durch ihre Ernennung zur k.u.k. Kammervirtuosin durch Kaiser Ferdinand I. – eine Auszeichnung, die umso bemerkenswerter war, da sie ihr als Frau, Ausländerin und Protestantin verliehen wurde.

Bruch mit dem Vater

Karrieretechnisch erlebte Clara einen Höhepunkt, doch privat befand sie sich in einer Krise. Seit über drei Jahren führte sie eine romantische Beziehung zu Robert Schumann, einem ehemaligen Schüler ihres Vaters. Als Friedrich von der Verbindung erfuhr, war er außer sich. Mit allen Mitteln versuchte er, die Beziehung zu verhindern, und verbot seiner Tochter weiteren Kontakt. In seinem Zorn suchte er nach Gründen, die sein Verhalten rechtfertigen sollten: Robert sei egoistisch, Alkoholiker, verdiene nicht genug Geld und unterhalte Verhältnisse zu anderen Frauen. Es schien, als fürchte er, die totale Kontrolle über seine Tochter zu verlieren, in die er so viel Zeit und Energie investiert hatte. Zudem wusste er, wie es Frauen erging, die heirateten: Kinder und Kunst ließen sich nur schwer vereinbaren.

Von diesem Moment an, weigerte er sich, Clara weiterhin auf Konzertreisen zu begleiten und die Organisation ihrer Auftritte zu unterstützen. Solange sie die Beziehung nicht beende, könne sie auch nicht mehr auf seine Hilfe zählen. Er spekulierte, dass Clara angesichts der Herausforderungen, die Konzertorganisation und Reisen mit sich brachten, scheitern und anschließend kleinlaut zu ihm zurückkehren würde. Doch Clara brach ohne zu Zögern alleine zu ihrer geplanten Parisreise auf. Zu ihres Vaters Missgunst fand sie sich in der Stadt bestens zurecht, knüpfte Kontakte und erhielt positive Kritiken für ihre Konzerte. Die 19-jährige Clara erlebte Paris völlig anders als in ihrer Kindheit, als sie dort als schüchternes Mädchen nicht den erhofften Erfolg fand und stets den Druck ihres Vaters spürte, der überall verzweifelt nach Kontakten und Auftrittsmöglichkeiten suchte. Paris war nun nicht mehr von den erdrückenden Erwartungen des ‚Alles oder Nichts‘ belastet, sondern wurde zum Ort ihrer Emanzipation und Selbstbestimmung. Endlich hatte sie Luft zum Atmen und Abstand, um eine Entscheidung zu treffen – zwischen ihrem Vater und Robert. Denn Friedrich verweigerte jegliche Zustimmung zur Beziehung, während Robert auf einen gerichtlichen Prozess als einzigen Ausweg drängte.

Clara zögerte, gerichtliche Schritte einzuleiten. Ein solcher Schritt hätte das endgültige Zerwürfnis mit ihrem Vater zur Folge. Gleichzeitig wuchs die Frage, wie lange Robert noch bereit sein würde, auf ihre Entscheidung zu warten. Beide Männer hielten unbeirrt an ihren Positionen fest, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, in welchen emotionalen Zwiespalt sie Clara damit beförderten. Schließlich entschied sich Clara für Robert, eine Wahl, die nicht zuletzt durch dessen Suiziddrohung und ständiges Drängen auf schnelles Handeln beeinflusst wurde. Der darauffolgende Eheprozess zog sich aufgrund zahlreicher Verzögerungen in die Länge, endete jedoch mit der gerichtlichen Genehmigung ihrer Heirat. Am 12. September 1840, einen Tag vor Claras 21. Geburtstag, konnten die beiden nach Jahren des harten Kämpfens endlich heiraten. Friedrich Wieck wurde wenige Monate später, im April 1841 erneut wegen Verleumdung verurteilt, da er nun unter anderem das Gerücht verbreitete, Clara würde jedes Klavier ruinieren, auf dem sie spiele. Clara hatte im Streit mit ihrem Vater gewonnen, doch dabei ihre engste Bezugsperson verloren.

In dieser Kirche in Schönefeld, damals außerhalb Leipzigs, läuteten am 12. September 1840 die Hochzeitsglocken.
Video: Constanze Baumann

Anders als ihr Vater befürchtet hatte, war ihre Karriere als Ehefrau keineswegs vorbei. Im Gegenteil: Sie setzte ihre Konzertreisen unermüdlich fort, die sie nicht nur an den Hof von Queen Victoria, sondern auch ins ferne Russland führten, und erlangte so auch internationale Bekanntheit, die ihr Vater für sie nicht erreicht hatte. Trotz ihrer acht Kinder und den wiederkehrenden Versuchen ihres Mannes, sie vom Konzertieren abzuhalten, trat sie weiterhin auf – und das bis ins hohe Alter. Über 50 Jahre lang bespielte sie die Bühnen Europas. Ihr Talent und ihre Leidenschaft für das Klavierspiel ließ sie sich von niemandem nehmen: weder von ihrem Vater, der sich weigerte, sie zu unterstützen, noch von ihrem Ehemann, der ihr Potenzial teils zu schmälern versuchte. Dass sie heute aus der Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken ist, kann als direktes Resultat ihres unerschütterlichen Willens und unermüdlichen Kampfgeistes gewertet werden.

  1. Nauhaus, Gerd/Reich, Nancy B. (Hrsg.), Clara Schumann, Jugendtagebücher 1827–1840. Hildesheim, Zürich, New York 2019, S. 42. ↩︎
  2. Clara Schumann an Marie Lipsius. In: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smayka (Hrsg.), Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig. Band 15, Köln 2016, S. 835–838. ↩︎
  3. Nauhaus, Gerd/Reich, Nancy B. (Hrsg.), Jugendtagebücher, S. 68.  ↩︎

Eine Antwort zu „Clara Wieck: Kindheit eines Wunderkinds”.

  1. galushayinuo91

    nice!!

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